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Alle reden über den Schaden. Der größere Automatisierungshebel liegt in Antrag und Bestandsführung. Wo Versicherer 2026 wirklich stehen.
Kernaussage
Der sichtbare Schaden bindet die Aufmerksamkeit, die stillen Massenvorgänge in Antrag und Bestand binden den Aufwand. Wer zuerst dort automatisiert, hebt mehr als auf der größten Bühne.

Prozesse
9 min Lesezeit
Die wichtigsten Erkenntnisse
Alle reden über den Schaden
Der größere Hebel liegt woanders
Antrag und Bestand bieten mehr
Alle reden über den Schaden. Der Hebel liegt woanders.
Die Schadenregulierung bekommt die Aufmerksamkeit, weil sie sichtbar ist und weh tut. Der größte ungehobene Automatisierungshebel der Versicherer liegt aber nicht im Schaden, sondern in Antrag und Bestandsführung. Dort laufen die Massenvorgänge, die sich am saubersten regelbasiert entscheiden lassen, und dort sitzt der stille Aufwand, den kein Kunde je zu sehen bekommt.
Wie weit ist die Automatisierung bei den Versicherern wirklich?
Die Richtung ist eindeutig, das Tempo überschätzt. Nach Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, dem GDV, automatisierten die Schaden- und Unfallversicherer 2023 rund ein Drittel ihrer Geschäftsprozesse, genau 33,5 Prozent. Vier Jahre zuvor waren es 23 Prozent. In der Krankenversicherung läuft laut GDV inzwischen knapp ein Drittel der Prozesse vollautomatisiert.
Diese Quote umfasst alle Geschäftsprozesse, nicht nur den Schaden. Der GDV zählt zur Dunkelverarbeitung ausdrücklich auch Neuanträge, Policierung und Vertragsänderungen. Das ist der entscheidende Punkt: Die Statistik, die gern auf die Schadenregulierung bezogen wird, misst in Wahrheit die gesamte Antrags- und Bestandsmaschine mit.
Warum Antrag und Bestand die dankbareren Prozesse sind
Ein Neuantrag ist ein strukturierter Vorgang mit klaren Feldern, definierten Regeln und einem eindeutigen Ergebnis. Eine Vertragsänderung, ein Adresswechsel, eine Beitragsanpassung, ein Wechsel der Zahlweise folgen festen Mustern. Diese Vorgänge sind planbar, wiederholbar und in großer Zahl vorhanden. Genau das macht sie automatisierbar.
Der Schaden ist das Gegenteil. Er ist ereignisgetrieben, unstrukturiert und im Zweifel strittig. Deshalb steckt in der Schadenregulierung zwar die größte Aufmerksamkeit, aber nicht die einfachste Automatisierung. Wer die Dunkelverarbeitungsquote schnell heben will, beginnt bei den Vorgängen, die sich am eindeutigsten regeln lassen, und das sind die Massenprozesse in Antrag und Bestand.
Was die Dunkelverarbeitung im Bestand konkret bremst
Der erste Bremsklotz sind die Kernsysteme. Viele Bestände laufen auf über Jahrzehnte gewachsener Software, die eine durchgängige Verarbeitung baulich erschwert. Das ist kein Randproblem, sondern der wunde Punkt der Branche. Wie sehr veraltete Kernsysteme jede Modernisierung ausbremsen, zeigt der Blick auf die stillstehenden Kernsysteme der Versicherer.
Der zweite Bremsklotz ist der Medienbruch. Ein Antrag, der als PDF, als eingescanntes Formular oder als E-Mail-Anhang eintrifft, ist für die Maschine zunächst unlesbar. Solange die Unterlage nicht in strukturierte Daten übersetzt wird, kann keine Regel greifen. Die Dunkelverarbeitung entscheidet sich damit weit vor dem eigentlichen Prozess, nämlich an der Lesbarkeit des Eingangs.
Der dritte Bremsklotz ist die Ausnahme. Jeder Bestand hat Sonderfälle, die keine Regel abdeckt. Häuser, die Dunkelverarbeitung ernst nehmen, trennen den Standardfall sauber vom Sonderfall und lassen die Maschine den Standard vollständig übernehmen, statt an jedem denkbaren Sonderfall zu scheitern. Eine Quote von 100 Prozent ist nicht das Ziel, eine hohe Quote im Standardgeschäft schon.
Wo Intelligent Document Processing ansetzt
Der Schlüssel zur höheren Quote liegt im Eingang. Nach der 2026 veröffentlichten ABBYY-Studie zum Finanzsektor setzen 42 Prozent der befragten Institute bereits auf Document AI, also auf die maschinelle Extraktion von Inhalten aus unstrukturierten Dokumenten, und 39 Prozent auf Process Intelligence, um ihre Abläufe messbar zu machen. Beides zielt genau auf die beiden ersten Bremsklötze, den Medienbruch und die fehlende Prozesstransparenz.
Sobald ein Antrag beim Eingang in strukturierte Daten übersetzt wird, kann die dahinterliegende Regelstrecke ihn ohne menschliches Zutun bearbeiten. Wie diese Übersetzung technisch funktioniert und warum sie über den Erfolg der gesamten Strecke entscheidet, beschreibt der Beitrag zu Intelligent Document Processing in der Antragsstrecke.
Was das für die Schadenseite bedeutet
Die Schadenautomatisierung bleibt wichtig, sie ist nur der schwierigere Weg. Wer die Regelmechanik erst im Antrag und im Bestand beherrscht, überträgt dieselbe Logik anschließend leichter auf die einfacheren Schadenfälle, etwa auf standardisierte Kleinschäden. Der Bestand ist damit auch die Trainingsstrecke für die Schadenseite. Wie weit die vollautomatische Schadenbearbeitung heute reicht, ordnet der Beitrag zu echter Dunkelverarbeitung im Schaden ein, und welche Reihenfolge sich lohnt, zeigt die Roadmap zur Dunkelverarbeitung.
Vom regelbasierten Prozess zum autonomen Agenten
Die nächste Stufe verschiebt die Grenze noch einmal. Wo heute feste Regeln entscheiden, übernehmen zunehmend KI-Agenten Vorgänge, die bisher als zu komplex für die Dunkelverarbeitung galten. Das betrifft das gesamte Backoffice, vom Antrag über die Bestandsführung bis zur Regulierung. Wie tief dieser Wandel geht, zeigt der Beitrag dazu, wie Agentic AI das Versicherer-Backoffice verändert.
Für die kommenden Jahre gilt: Die Dunkelverarbeitungsquote steigt nicht linear, sie steigt in Sprüngen, immer dann, wenn ein Haus einen ganzen Vorgangstyp von der manuellen Ausnahme in die maschinelle Regel überführt. Antrag und Bestand liefern die meisten dieser Sprünge, weil dort die größte Menge gleichförmiger Vorgänge sitzt.
Wie ein Haus die eigene Quote realistisch hebt
Der erste Schritt ist Ehrlichkeit über den Ist-Stand. Die vom GDV genannten 33,5 Prozent sind ein Branchenschnitt, kein Zielwert. Jedes Haus muss zuerst wissen, welcher Anteil seiner Antrags- und Bestandsvorgänge heute wirklich ohne manuellen Eingriff läuft, bevor es über Zielquoten spricht. Ohne diese Messung bleibt jede Automatisierung Bauchgefühl.
Der zweite Schritt ist die Priorisierung nach Menge, nicht nach Sichtbarkeit. Der Vorgangstyp mit dem höchsten Volumen und der klarsten Regel bringt den ersten Ertrag, unabhängig davon, ob er im Vorstand für Aufsehen sorgt. Der dritte Schritt ist die konsequente Trennung von Standard und Ausnahme, damit die Maschine den Standard vollständig übernimmt.
Was Dunkelverarbeitung nicht bedeutet
Ein verbreitetes Missverständnis setzt Dunkelverarbeitung mit dem Verzicht auf Menschen gleich. Das ist falsch. Dunkelverarbeitung heißt, dass der Standardfall ohne manuellen Eingriff läuft, nicht dass es keine Menschen mehr gibt. Die Ausnahme bleibt Sache des Sachbearbeiters, und genau dorthin verschiebt sich seine Arbeit, weg von der Massenbearbeitung, hin zum Fall, der Urteil verlangt.
Das zweite Missverständnis ist die Jagd nach der Quote von 100 Prozent. Sie ist weder erreichbar noch sinnvoll. Der Grenznutzen sinkt mit jedem weiteren Sonderfall, den man in die Regel zwingt, und irgendwann kostet die Automatisierung eines seltenen Falls mehr als seine manuelle Bearbeitung. Das Ziel ist eine hohe Quote im Standardgeschäft, nicht Vollständigkeit um jeden Preis.
Der Unterschied zwischen Teil- und Vollautomatisierung
Viele Häuser überschätzen ihre Quote, weil sie Teilautomatisierung mitzählen. Ein Vorgang, bei dem die Maschine 80 Prozent erledigt und der Mensch den Rest, ist nicht dunkel verarbeitet, er ist assistiert. Der Unterschied ist wirtschaftlich entscheidend, denn der verbleibende manuelle Schritt bindet weiterhin Personal und begrenzt die Durchlaufzeit. Erst der Vorgang, der vom Eingang bis zum Ergebnis ohne Eingriff läuft, hebt den vollen Effekt.
Diese Ehrlichkeit in der Messung trennt die Häuser, die wirklich vorankommen, von denen, die sich an geschönten Quoten festhalten. Wer Teilautomatisierung als Vollautomatisierung ausweist, verschleiert genau die Lücke, die den nächsten Ertrag bringt.
Warum der Kunde die Dunkelverarbeitung nur bemerkt, wenn sie fehlt
Ein reibungslos policierter Antrag fällt niemandem auf. Eine Vertragsänderung, die Tage dauert, dagegen schon. Die Dunkelverarbeitung ist damit ein stiller Wettbewerbsfaktor, sie zeigt sich nicht im Marketing, sondern in der Abwesenheit von Reibung. Häuser mit hoher Quote liefern schneller, ohne dafür werben zu müssen, während Häuser mit niedriger Quote den Rückstand an jeder Kundenschnittstelle spüren.
Das gilt besonders im Bestand. Ein Kunde, der einen einfachen Adresswechsel meldet und tagelang auf die Bestätigung wartet, zieht daraus einen Schluss über die gesamte Beziehung. Der stille Prozess im Hintergrund entscheidet über den lauten Eindruck beim Kunden.
Drei Kennzahlen, die ein Haus verfolgen sollte
Die erste Kennzahl ist die Dunkelverarbeitungsquote je Vorgangstyp, nicht als Gesamtwert. Erst die Aufschlüsselung zeigt, wo der Hebel liegt. Ein Haus, das seine Quote nur als Durchschnitt kennt, steuert blind. Die zweite Kennzahl ist die Ausnahmequote und ihr Grund: Welcher Anteil bricht aus der Regel aus, und warum? Diese Frage deckt die Stellen auf, an denen sich die Regel verbessern lässt.
Die dritte Kennzahl ist die Durchlaufzeit des Standardfalls. Sie ist der ehrlichste Gradmesser, weil sie misst, was der Kunde erlebt. Eine hohe Quote bei gleichzeitig langer Durchlaufzeit deutet darauf hin, dass die Automatisierung an einer Stelle hakt, die die reine Quote nicht zeigt.
Wohin sich der Aufwand verschiebt
Automatisierung vernichtet Arbeit nicht, sie verlagert sie. Der Aufwand wandert von der Bearbeitung des Einzelfalls zur Pflege der Regel. Jemand muss definieren, welcher Fall als Standard gilt, die Ausnahmen beobachten und die Regel nachschärfen. Diese Arbeit ist anspruchsvoller als die frühere Sachbearbeitung, und Häuser, die sie unterschätzen, erleben, dass ihre Quote nach dem ersten Projekt stagniert.
Damit wird Dunkelverarbeitung zur Daueraufgabe statt zum einmaligen Projekt. Die Quote ist kein Zustand, den man erreicht, sondern ein Niveau, das man hält. Wer die Regelpflege nicht organisiert, verliert über die Zeit wieder an Quote, weil sich Vorgänge und Produkte ändern und die Regel veraltet.
Warum Bestandsdaten die Voraussetzung sind
Keine Regel greift auf schlechten Daten. Ein Bestand mit veralteten Adressen, uneinheitlichen Feldern und Dubletten produziert Ausnahmen, wo keine nötig wären, und zwingt Vorgänge zurück in die manuelle Bearbeitung. Die Dunkelverarbeitungsquote ist damit auch ein Spiegel der Datenqualität. Wer die Quote heben will, kommt an der Ordnung im Bestand nicht vorbei.
Das ist die unbequeme Nachricht für viele Häuser: Der erste Schritt zur Automatisierung ist oft kein KI-Projekt, sondern Datenarbeit. Sie ist weniger sichtbar als ein Pilot, aber sie entscheidet darüber, ob die spätere Automatisierung trägt oder an lückenhaften Daten scheitert.
Der blinde Fleck: die Schnittstellen zwischen den Systemen
Die höchste Dunkelverarbeitungsquote nützt wenig, wenn die Vorgänge zwischen den Systemen hängen bleiben. Viele Häuser automatisieren einzelne Abschnitte, aber an jeder Systemgrenze entsteht ein neuer manueller Übergang. Ein Antrag, der im Eingangssystem sauber verarbeitet wird, danach aber per Hand ins Bestandssystem übertragen werden muss, ist nur scheinbar dunkel. Die Grenzen zwischen den Systemen sind der blinde Fleck jeder Automatisierungsstatistik.
Deshalb misst sich echte Dunkelverarbeitung am durchgehenden Vorgang, nicht am automatisierten Einzelschritt. Ein Haus, das seine Systeme sauber verbindet, hebt oft mehr Quote als eines, das ein einzelnes System weiter optimiert. Die Integration ist der größere Hebel als die Perfektion des Einzelbausteins.
Was der Fachkräftemangel damit zu tun hat
Die Dunkelverarbeitung ist nicht nur eine Kostenfrage, sie ist eine Antwort auf den demografischen Wandel. Wenn erfahrene Sachbearbeiter in den Ruhestand gehen und Nachwuchs fehlt, muss die verbleibende Mannschaft dieselbe Menge mit weniger Händen bewältigen. Die Automatisierung des Standardfalls ist der einzige Weg, die frei werdende Kapazität dorthin zu lenken, wo Urteil gebraucht wird.
Damit wird die Quote zur strategischen Größe. Sie entscheidet nicht nur über Kosten, sondern über die Fähigkeit eines Hauses, sein Geschäft mit einer schrumpfenden Belegschaft aufrechtzuerhalten. Wer die Quote nicht hebt, spürt den Fachkräftemangel doppelt, in der Bearbeitungszeit und in der Fehlerquote.
Warum der Vergleich mit Banken hinkt
Versicherer werden gern an Banken gemessen, aber die Ausgangslage unterscheidet sich. Ein Versicherungsvertrag läuft über Jahrzehnte, ein Bestand wächst über Generationen, und die Vielfalt der Tarife ist größer als bei den meisten Bankprodukten. Das macht die Automatisierung anspruchsvoller, aber den Hebel auch größer, weil jeder automatisierte Vorgangstyp über die gesamte Vertragslaufzeit wirkt.
Der nächste Schritt
Die Frage ist nicht, ob ein Versicherer automatisiert, sondern wo er anfängt. Wer beim Schaden beginnt, wählt den schwersten Weg zuerst. Wer bei Antrag und Bestand beginnt, hebt die Quote schneller und baut die Kompetenz auf, die er für den Schaden später braucht. In einer kostenlosen Sprechstunde ordnen wir Ihren aktuellen Stand ein und benennen den Vorgangstyp, an dem sich der Einstieg zuerst rechnet.

Dominik Winkel
Gründungspartner Sotica. Partner für Wandel in der Finanzbranche, seit über 15 Jahren in der Branche.
Ein Gespräch klärt, welcher Schritt der erste ist. Direkt mit dem Gründungspartner, ohne Umwege.


