Die Cofinpro-Zahlen zeigen ein genossenschaftliches Paradox: maximale Sorge bei minimaler Nutzenerwartung. Beides hat dieselbe Ursache.

Jun 6, 2026
Markt
Ein bemerkenswertes Stimmungsbild
Manchmal sagt eine Differenz mehr als jede Einzelzahl. Die Cofinpro-Studie zum KI-Einsatz im Kreditgeschäft, für die 109 Kreditentscheider befragt wurden, liefert so eine Differenz: Zwei Drittel der Privatbanken versprechen sich konkrete Vorteile durch KI. Bei den Sparkassen sind es 53 Prozent, bei den Genossenschaftsbanken nur noch 47 Prozent. Gleichzeitig befürchten 68 Prozent der Genossenschaftsbanken, bei fehlender Initiative den Anschluss zu verlieren, mehr als jede andere Institutsgruppe.
Maximale Angst bei minimaler Nutzenerwartung: Das klingt widersprüchlich, ist aber konsistent. Wer noch keine eigenen produktiven Erfahrungen gemacht hat, kann den Nutzen nicht beziffern, sieht aber sehr genau, dass andere ihn realisieren. Die Cofinpro-Analysten werten das als Indiz für strategischen Nachholbedarf, und das ist höflich formuliert. Die Zahlen zeigen ein Institut, das den Handlungsdruck spürt, aber noch keine Sprache hat, um über den konkreten Nutzen zu sprechen, weil ihm die eigene Erfahrung fehlt.
Die Erfahrungslücke ist das Problem, nicht die Technik
Die Studie zeigt auch, wo die Gruppen stehen: Privatbanken führen bei der operativen Nutzung, Sparkassen und Genossenschaftsbanken stecken häufiger in Pilot- oder Entwicklungsphasen. Nutzenerwartung folgt Erfahrung. Privatbanken sehen Vorteile, weil sie sie messen können. Genobanken sehen sie nicht, weil es nichts zu messen gibt.
Das hat eine unangenehme Konsequenz: Die Lücke wächst von selbst. Wer produktiv arbeitet, sammelt Daten, justiert nach und baut den nächsten Anwendungsfall auf dem ersten auf. Wer pilotiert, sammelt Folien. Nach zwei Jahren trennt beide Gruppen nicht mehr eine Entscheidung, sondern ein Erfahrungsvorsprung, der sich nicht zukaufen lässt.
Wo der Einstieg im Kreditgeschäft liegt
Die Befragten selbst benennen die Potenziale klar: Dokumentenanalyse mit 44 Prozent, Kreditgenehmigung mit 41 Prozent und Antragstellung mit 39 Prozent. Das deckt sich mit der Praxis: Die Marktfolge ist der Ort, an dem dokumentenlastige, regelbasierte Arbeit auf hohe Volumina trifft, ideale Bedingungen für den ersten produktiven Anwendungsfall.
Für eine einzelne Primärbank heißt das konkret: nicht auf die große Verbundlösung warten, sondern einen Prozess wählen, der im eigenen Haus weh tut, etwa die Unterlagenprüfung in der Baufinanzierung, und ihn binnen eines Quartals produktiv automatisieren. Mit messbarer Durchlaufzeit vorher und nachher, damit aus der vagen Nutzenerwartung eine eigene Zahl wird.
Die genossenschaftliche Stärke als Hebel
Was in der Diskussion oft untergeht: Die genossenschaftliche Struktur ist für den KI-Einstieg ein Vorteil, kein Hindernis. Die Institute teilen Prozesse, IT-Plattformen und regulatorische Rahmenbedingungen in hohem Maße. Was eine Bank in einem Anwendungsfall lernt, ist für viele andere unmittelbar übertragbar, anders als bei Privatbanken, die im Wettbewerb stehen und ihr Wissen hüten.
Genau diese Übertragbarkeit wird bisher kaum genutzt. Während jede Bank für sich überlegt, ob und wie sie startet, könnte ein einziger sauber dokumentierter Marktfolge-Anwendungsfall zur Blaupause für viele werden. Die 68 Prozent Anschlusssorge ließen sich genossenschaftlich beantworten, durch geteilte Erfahrung statt durch paralleles Zögern. Wer hier vorangeht, gewinnt nicht nur für das eigene Haus, sondern wird zum Referenzpunkt im Verbund.
Aus 68 Prozent Sorge einen Plan machen
Sorge ist kein schlechter Ausgangspunkt, sie ist ehrlicher als Selbstzufriedenheit. Aber sie wird nur produktiv, wenn sie in eine Entscheidung mündet: ein Prozess, ein Verantwortlicher im Vorstand, 90 Tage, eine Kennzahl. Genau dieser Schritt unterscheidet die 47 Prozent von den Häusern, die nächstes Jahr zu den Überzeugten gehören.
Wichtig ist dabei, klein genug zu schneiden. Wer den gesamten Kreditprozess auf einmal automatisieren will, landet wieder in der Planungsschleife, die die Mehrheit der Institute kennt. Wer einen klar umrissenen Teilschritt wählt, etwa die Vollständigkeitsprüfung eingehender Unterlagen, kann innerhalb eines Quartals einen messbaren Effekt zeigen, und dieser Effekt ist das beste Argument für den nächsten Schritt.
Sotica führt mit Genossenschaftsbanken Potenzialanalysen durch, die genau diesen ersten Prozess identifizieren und den Weg in die Umsetzung strukturieren. Die Angst vor dem Anschlussverlust ist berechtigt. Sie ist nur kein Programm.
Ob Sie ein konkretes Projekt haben oder erst erkunden möchten, was möglich ist – sprechen Sie mit uns.


