Auf dem CIBI-Innovationstag prallten zwei Strategien aufeinander: KI als Betriebssystem gegen die digitale Identität. Beide kämpfen um junge Kunden.

Mai 7, 2026
Markt
Zwei Antworten auf dieselbe Bedrohung
Der CIBI Innovationstag 2026 hat die digitale Transformation der Finanzbranche unter dem Vorzeichen von Kostendruck, Regulierung und dem Potenzial von Agentic AI beleuchtet. Dabei wurden zwei Strategien sichtbar, die direkter nicht sein könnten. Die Neobank N26 nutzt KI als Kern ihres Betriebssystems und experimentiert mit neuen europäischen Zahlverfahren wie Wero. Die Sparkassen kontern den drohenden Verlust junger Kunden mit einer mehrstufigen Roadmap zur Integration der digitalen EUDI-Wallet.
Beide kämpfen um dieselbe Zielgruppe, die jungen Kunden, deren Loyalität über die Zukunft eines Instituts entscheidet. Und beide reagieren auf dieselbe Bedrohung: dass die Kundenbeziehung an neue, digitale Wettbewerber oder Plattformen verloren geht. Doch ihre Antworten könnten unterschiedlicher kaum sein, und genau dieser Gegensatz macht den CIBI-Befund so aufschlussreich.
Die Antwort von N26: KI als Betriebssystem
N26 setzt KI nicht als zusätzliche Funktion ein, sondern als Kern des eigenen Betriebssystems. Das bedeutet, dass KI nicht ein Werkzeug neben anderen ist, sondern die Logik, nach der die Bank arbeitet. Prozesse, Entscheidungen und Kundeninteraktionen sind von Grund auf um die KI herum gebaut, nicht nachträglich um sie ergänzt. Das verschafft der Neobank eine Geschwindigkeit und eine Schlankheit, mit der etablierte Häuser nur schwer mithalten können.
Dieser Ansatz ist radikal, weil er die KI nicht als Verbesserung des Bestehenden begreift, sondern als Fundament des Neuen. Eine Bank, die von Anfang an um KI herum gebaut ist, hat keine gewachsenen Altsysteme, keine über Jahre verfestigten Prozesse, keine Schichten von Sonderlösungen. Sie kann die Möglichkeiten der KI voll ausschöpfen, weil nichts sie bremst. Genau das ist der Vorteil der Neobank gegenüber den etablierten Häusern, und genau das macht sie zur Bedrohung.
Hinzu kommt das Experiment mit neuen Zahlverfahren wie Wero. Die Neobank positioniert sich damit an der Schnittstelle, an der die Kundenbeziehung im Alltag stattfindet, beim Bezahlen. Wer das Bezahlen kontrolliert, ist im Alltag des Kunden präsent, und wer im Alltag präsent ist, hält die Kundenbeziehung. N26 verbindet damit das KI-Betriebssystem mit der Präsenz im Zahlungsverkehr zu einem Angriff auf gleich mehreren Ebenen.
Die Antwort der Sparkassen: die digitale Identität
Die Sparkassen wählen einen anderen Weg. Statt allein auf die KI zu setzen, machen sie die digitale Identität zu ihrem strategischen Hebel. Mit einer mehrstufigen Roadmap zur Integration der europäischen EUDI-Wallet wollen sie ihre App zum sicheren digitalen Zuhause für Identitäten und Finanzen machen. Die Idee ist, dass der Kunde seine digitale Identität bei der Sparkasse verwaltet, und dass diese Identität ihn dauerhaft an das Institut bindet.
Dahinter steht eine kluge Überlegung. Die europäische EUDI-Wallet wird in den kommenden Jahren zu einer zentralen Infrastruktur für die digitale Identität, mit der sich Menschen ausweisen, Verträge schließen und Dokumente signieren. Wer diese Wallet für seine Kunden bereitstellt und verwaltet, besetzt eine Schlüsselposition im digitalen Alltag. Die Sparkassen setzen darauf, dass ihre Stärke, das Vertrauen und die Nähe zum Kunden, sie zum natürlichen Anbieter dieser Identität macht.
Diese Strategie spielt die Stärken der Sparkassen aus. Sie haben das Vertrauen der Kunden, sie haben die Verankerung in der Fläche, und sie haben den Ruf, sorgsam mit Daten umzugehen. Eine digitale Identität, die genau dieses Vertrauen voraussetzt, passt zu diesem Profil besser als der Versuch, die Neobanken im reinen KI-Tempo zu schlagen. Die Sparkassen kämpfen damit nicht auf dem Feld der Neobanken, sondern auf ihrem eigenen.
Warum beide Antworten ihre Berechtigung haben
Es wäre zu einfach, eine der beiden Strategien für richtig und die andere für falsch zu erklären. Beide haben ihre Berechtigung, weil sie zu den jeweiligen Stärken passen. N26 kann auf das KI-Betriebssystem setzen, weil sie keine Altlasten hat und Geschwindigkeit ihr natürlicher Vorteil ist. Die Sparkassen setzen auf die digitale Identität, weil Vertrauen und Nähe ihre Stärken sind und sie diese in eine digitale Schlüsselposition übersetzen können.
Die Gefahr für die Sparkassen besteht darin, dass die digitale Identität allein nicht genügt, wenn die übrige Erfahrung hinter der der Neobanken zurückbleibt. Ein Kunde, der die Identität bei der Sparkasse verwaltet, aber für das tägliche Banking die schnellere, schlankere Neobank nutzt, ist nur halb gebunden. Die digitale Identität muss deshalb mit einer modernen, KI-gestützten Erfahrung verbunden werden, sonst bleibt sie ein Anker ohne Schiff.
Die Gefahr für N26 besteht umgekehrt darin, dass das Vertrauen fehlt, das die Sparkassen haben. Ein KI-Betriebssystem ist schnell und effizient, aber in einer Branche, in der das Vertrauen der Kunden in KI ohnehin niedrig ist, kann die fehlende Verankerung zum Nachteil werden. Wenn es um existenzielle finanzielle Fragen geht, suchen viele Kunden die Sicherheit, die ein vertrautes, verankertes Institut bietet, und die eine reine Neobank erst aufbauen muss.
Die Lehre für die etablierten Häuser
Für die etablierten Häuser jenseits der Sparkassen liegt die Lehre darin, die eigene Antwort aus den eigenen Stärken zu entwickeln, statt eine der beiden Strategien zu kopieren. Wer versucht, die Neobanken im reinen KI-Tempo zu schlagen, kämpft auf fremdem Terrain und verliert meist. Wer seine eigenen Stärken, sei es Vertrauen, Nähe, Beratungskompetenz oder regionale Verankerung, in eine digitale Strategie übersetzt, kämpft auf eigenem Terrain und hat eine Chance.
Das verlangt eine ehrliche Bestimmung der eigenen Stärken und eine Strategie, die diese Stärken in die digitale Welt überträgt. Es genügt nicht, KI einzuführen, weil alle es tun, oder auf die digitale Identität zu setzen, weil die Sparkassen es tun. Die Frage ist, welche eigene Stärke sich in einen dauerhaften Vorteil im Kampf um die Kundenbeziehung übersetzen lässt, und wie KI und digitale Infrastruktur diesen Vorteil unterstützen.
Der Kampf um die jungen Kunden
Warum der Kampf gerade um die jungen Kunden so erbittert geführt wird, hat einen einfachen Grund. Die Bankbeziehung ist träge: Wer sich einmal für ein Institut entschieden hat, bleibt oft über Jahre oder Jahrzehnte. Deshalb ist die Phase, in der ein junger Mensch sein erstes ernsthaftes Bankkonto wählt, von strategischer Bedeutung. Wer den jungen Kunden gewinnt, bindet ihn potenziell für Jahrzehnte. Wer ihn verliert, verliert ihn oft dauerhaft.
Die Neobanken haben diesen Mechanismus früh erkannt und sich gezielt an die junge, digitalaffine Zielgruppe gewandt. Mit einer schlanken, schnellen, app-zentrierten Erfahrung haben sie genau das geboten, was diese Zielgruppe erwartet. Die etablierten Häuser, darunter die Sparkassen, spüren diesen Angriff und müssen reagieren, um nicht eine ganze Generation an die Neobanken zu verlieren. Der CIBI-Befund zeigt zwei sehr unterschiedliche Reaktionen auf genau diese Bedrohung.
Die Stärke und die Grenze des KI-Betriebssystems
Die Stärke des KI-Betriebssystems von N26 liegt in der Geschwindigkeit und der Effizienz. Eine Bank, die von Grund auf um KI herum gebaut ist, kann Prozesse schneller und kostengünstiger abwickeln als ein etabliertes Haus mit gewachsenen Strukturen. Sie kann neue Funktionen schneller einführen, den Kundenservice stärker automatisieren und ihre Kostenbasis schlank halten. Für die preissensible, ungeduldige junge Zielgruppe ist das ein starkes Angebot.
Die Grenze dieses Ansatzes liegt im Vertrauen und in der Tiefe der Beziehung. Eine reine Neobank bietet ein effizientes Konto, aber sie ist für viele Kunden nicht der Ort, an dem sie die großen finanziellen Fragen ihres Lebens klären. Wenn es um die Baufinanzierung, die Altersvorsorge oder die Vermögensplanung geht, suchen viele Menschen mehr als Effizienz, nämlich Vertrauen und Beratung. Genau hier hat die Neobank eine Schwäche, die die etablierten Häuser ausspielen können, wenn sie es klug anstellen.
Die Stärke und die Grenze der digitalen Identität
Die Stärke der Sparkassen-Strategie liegt darin, dass sie eine zukünftige Schlüsselposition besetzt. Wenn die digitale Identität in den kommenden Jahren zur zentralen Infrastruktur des digitalen Alltags wird, dann ist der Anbieter dieser Identität an einer Stelle präsent, die weit über das Banking hinausreicht. Die Sparkassen setzen darauf, dass ihr Vertrauensvorsprung sie zum natürlichen Anbieter dieser Identität macht, und dass die Identität den Kunden dauerhaft bindet.
Die Grenze dieser Strategie liegt im Tempo und in der Abhängigkeit von der regulatorischen Entwicklung. Die EUDI-Wallet entsteht erst, ihre breite Nutzung liegt noch in der Zukunft, und ihr Erfolg hängt von Faktoren ab, die die Sparkassen nicht allein kontrollieren. Wer auf die digitale Identität als zentralen Hebel setzt, setzt auf eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist. Das ist eine strategische Wette, die aufgehen kann, aber nicht aufgehen muss, und die jedenfalls Geduld verlangt.
Was beide Strategien gemeinsam brauchen
Bei aller Verschiedenheit brauchen beide Strategien dasselbe Fundament: eine moderne, kontrollierbare technologische Grundlage. Das KI-Betriebssystem braucht eine Plattform, die KI sicher und beherrschbar betreibt. Die digitale Identität braucht eine Infrastruktur, die das Vertrauen rechtfertigt, das sie voraussetzt. Ohne dieses Fundament bleibt die jeweilige Strategie ein Versprechen ohne Substanz.
Genau hier zeigt sich, warum die Diskussion auf dem CIBI Innovationstag immer wieder zur digitalen Souveränität zurückkehrte. Beide Wege, so unterschiedlich sie sind, hängen an der Frage, wer die Technologie und die Daten kontrolliert. Ein Institut, das seine Strategie auf einer Technologie aufbaut, die es nicht kontrolliert, ist verwundbar, egal ob es auf KI oder auf die digitale Identität setzt. Die Souveränität über die eigene technologische Grundlage ist die gemeinsame Voraussetzung beider Strategien.
Die Rolle der Agentic AI im Hintergrund
Über beiden Strategien schwebt ein weiterer Befund des CIBI Innovationstags: die wachsende Bedeutung der Agentic AI. Künstliche Intelligenz entwickelt sich von einem Werkzeug, das Vorschläge macht, zu Agenten, die Aufgaben eigenständig erledigen. Das verändert nicht nur die Effizienz, sondern die Art, wie Banking funktioniert. Wer diese Entwicklung beherrscht, kann Prozesse anbieten, die schneller, schlanker und für den Kunden mühelos sind.
Für den Kampf um die jungen Kunden ist das entscheidend, weil diese Zielgruppe Mühelosigkeit erwartet. Sie will nicht durch Formulare navigieren, sondern ihr Anliegen formulieren und erledigt bekommen. Agentic AI verspricht genau das, und das Institut, das sie zuerst beherrscht, hat einen Vorteil. Doch auch hier gilt, dass die Agenten eine kontrollierbare, souveräne Grundlage brauchen, sonst wird die Mühelosigkeit mit einer Abhängigkeit erkauft, die das Institut verwundbar macht.
Es gibt nicht den einen richtigen Weg
Die vielleicht wichtigste Lehre aus dem Aufeinandertreffen der Strategien ist, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt. N26 und die Sparkassen verfolgen gegensätzliche Ansätze, und beide können erfolgreich sein, weil sie zu den jeweiligen Voraussetzungen passen. Ein Institut, das versucht, beide Wege gleichzeitig zu gehen oder den Weg eines anderen zu kopieren, verzettelt sich. Der Erfolg liegt in der Klarheit über den eigenen Weg, nicht in der Nachahmung.
Diese Klarheit verlangt eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen. Wo ist das Institut wirklich stark, und wie lässt sich diese Stärke in die digitale Welt übersetzen? Wo ist es schwach, und wie lässt sich diese Schwäche ausgleichen, ohne den eigenen Weg zu verlassen? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, findet seinen eigenen Weg im Kampf um die Kundenbeziehung, statt sich zwischen den Strategien anderer aufzureiben.
Die Zeit drängt
Was beide Strategien eint, ist das Bewusstsein, dass die Zeit drängt. Die jungen Kunden treffen ihre Entscheidungen jetzt, die EUDI-Wallet entsteht jetzt, die Agentic AI reift jetzt. Ein Institut, das abwartet, bis sich abzeichnet, welcher Weg sich durchsetzt, hat die entscheidende Phase verpasst, in der die Kundenbeziehungen neu verteilt werden. Die Strategien von N26 und den Sparkassen sind so unterschiedlich, aber sie teilen die Entschlossenheit, jetzt zu handeln statt abzuwarten.
Für die etablierten Häuser ist das die eigentliche Mahnung. Es genügt nicht, die richtige Strategie zu kennen, man muss sie auch rechtzeitig umsetzen. Der Kampf um die jungen Kunden wird in den kommenden Jahren entschieden, und wer ihn gewinnen will, muss seine Strategie jetzt entwickeln und umsetzen, auf einer souveränen Grundlage und aus den eigenen Stärken heraus.
Der gemeinsame Nenner: digitale Souveränität
Bei aller Verschiedenheit teilen beide Strategien einen Befund, den auch die Diskussionen auf dem CIBI Innovationstag betonten: die Bedeutung der digitalen Souveränität. Sowohl das KI-Betriebssystem als auch die digitale Identität werfen die Frage auf, wer die zugrunde liegende Technologie und die Daten kontrolliert. Angesichts der Abhängigkeit von wenigen großen Anbietern und der Gefahr von Lock-in-Effekten wird die technologische Selbstbestimmung zur strategischen Frage.
Für jedes Institut, das im Kampf um die jungen Kunden bestehen will, bedeutet das, die eigene digitale Strategie auf einer kontrollierbaren, souveränen Grundlage aufzubauen. Es nützt wenig, die Kundenbeziehung zu sichern, wenn die Technologie dahinter von einem Anbieter abhängt, der die Bedingungen diktiert. Die digitale Souveränität ist damit nicht ein Thema neben der Strategie, sondern ihre Voraussetzung, gleich ob man auf KI, auf digitale Identität oder auf eine eigene Kombination setzt.
Mehr zum Thema: Die digitale Kundenreise im Finanzsektor: Warum sie bei den meisten Instituten noch nicht existiert und Digitaler Vertrieb in Sparkassen: Was wirklich funktioniert – und was nur beschäftigt.
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