Automatisierung wird als Kostensenkung verkauft. Die Institute, die wirklich gewinnen, denken fundamental anders darüber.

Jul 15, 2025
Transformation
Die falsche Rahmung kostet Millionen
Prozessautomatisierung wird in fast jedem Finanzinstitut als Effizienzprojekt geführt. Das Ziel: Kosten senken, Stellen einsparen, schneller werden. Diese Rahmung ist nicht falsch, aber sie ist zu eng. Und sie erklärt, warum viele Automatisierungsprojekte unter ihren Möglichkeiten bleiben.
Die Institute, die aus Prozessautomatisierung echten Wettbewerbsvorteil ziehen, fragen nicht: Wie machen wir das Gleiche billiger? Sie fragen: Was wird möglich, wenn dieser Engpass wegfällt? Die erste Frage führt zu einem günstigeren Abbild des Status quo. Die zweite führt zu einem anderen Geschäft.
Wo Automatisierung längst Standard ist
Dass Automatisierung im Kern der Branche angekommen ist, zeigt die PwC-Studie "KI im Finanzsektor 2025". 71 Prozent der Banken und 78 Prozent der Versicherer setzen KI ein. Der mit Abstand häufigste Einsatzbereich ist Operations, also Back-Office-Prozesse und Kerngeschäftsverarbeitung mit hohem Volumen. In genau diesem Bereich stieg der KI-Einsatz innerhalb eines Jahres um 23 Prozentpunkte.
Die Botschaft dieser Zahlen ist unbequem für alle, die noch auf den richtigen Zeitpunkt warten: Der ist vorbei. Die Technik ist kein Engpass mehr und kein Differenzierungsmerkmal. Wenn fast jeder automatisiert, entscheidet nicht mehr, ob man es tut, sondern wozu man die freigesetzte Kapazität nutzt. Genau diese Frage stellen die wenigsten.
Effizienz ist der Einstieg, nicht das Ziel
Ein automatisierter Kreditprozess, der früher drei Tage dauerte und jetzt vier Stunden braucht, spart Personalkosten. Das ist gut. Aber was, wenn die gewonnene Kapazität genutzt wird, um Kundenbeziehungen zu vertiefen, die bisher zu aufwendig waren? Was, wenn der beschleunigte Prozess neue Kundensegmente erschließt, die eine schnelle Entscheidung erwarten und sonst zur Direktbank gehen?
Automatisierung als Effizienzmaßnahme denkt in Einsparungen. Automatisierung als Wachstumshebel denkt in neuen Möglichkeiten. Der Unterschied entscheidet über die strategische Wirkung. Ein Institut, das nur Kosten senkt, wird ein günstigeres Abbild seiner selbst. Ein Institut, das die gewonnene Zeit umlenkt, wird ein anderes, näher am Kunden, schneller in der Entscheidung, attraktiver für Segmente, die es vorher nicht bedienen konnte.
Das ist kein Wortspiel, sondern eine Frage der Steuerung. Wer Automatisierung allein über eine Einsparquote misst, bekommt genau das: eine Einsparung. Wer zusätzlich misst, was mit der frei werdenden Zeit geschieht, ob sie in Beratung, in Geschwindigkeit oder in neue Angebote fließt, bekommt einen Hebel. Die Kennzahl, die man wählt, formt das Ergebnis.
Wo die meisten Projekte stecken bleiben
Das häufigste Scheiternsmuster: Ein Prozess wird digitalisiert, aber nicht neu gedacht. Die alte Logik, die aus einer Welt mit Papier, Postlauf und manueller Prüfung stammt, wird eins zu eins in ein neues System übertragen. Das Ergebnis ist ein schnellerer Umweg. Die Durchlaufzeit sinkt, aber die überflüssigen Schritte bleiben, nur eben digital.
Wirksame Automatisierung beginnt deshalb nicht mit dem Tool, sondern mit der Frage, welche Schritte überhaupt noch nötig sind. Oft stellt sich heraus, dass die Hälfte der Prüf- und Freigabeschleifen aus einem Misstrauen stammt, das die Daten von heute nicht mehr rechtfertigen. Wer den Prozess vor der Automatisierung verschlankt, automatisiert das Richtige. Wer das überspringt, zementiert den Status quo in Software und macht ihn damit für Jahre schwerer veränderbar.
Der zweite Stolperstein ist die fehlende Integration in die Bestandssysteme. Eine elegante Automatisierung neben OSPlus oder agree21 statt darin erzeugt Medienbrüche, Doppelerfassung und eine neue Quelle für Fehler. Der Hebel entsteht erst, wenn der automatisierte Schritt im Kernsystem ankommt, nicht daneben. Viele Projekte sehen im Demo-Modus überzeugend aus und scheitern genau an dieser letzten Meile, weil die Integration als technisches Detail abgetan wurde, obwohl sie der eigentliche Aufwand ist.
Der dritte Stolperstein ist die fehlende fachliche Verantwortung im Betrieb. Wer übernimmt einen Vorgang, wenn die Automatik ihn nicht eindeutig entscheiden kann? Ohne eine klare Antwort entsteht ein Niemandsland, in dem Fälle liegenbleiben, bis sich jemand beschwert. Automatisierung entlastet nur dann, wenn auch der Ausnahmefall einen definierten Weg hat.
Ein Beispiel, das den Unterschied zeigt
Nehmen wir die Bearbeitung eingehender Dokumente in der Marktfolge, etwa im Kreditgeschäft. Der naheliegende Weg automatisiert die Erfassung: Das Dokument wird eingelesen, die relevanten Felder werden ausgelesen, ein Mitarbeiter prüft und gibt frei. Die Bearbeitungszeit sinkt spürbar. Das ist der Effizienzgewinn, den die meisten Projekte anstreben und an dem sie ihren Erfolg messen.
Der strategische Weg geht weiter. Er fragt, was mit der gewonnenen Zeit geschieht. Wird sie genutzt, um Anträge schneller zu entscheiden und damit Kunden zu gewinnen, die anderswo zu lange warten? Wird sie genutzt, um die Sachbearbeitung von Tipparbeit zu entlasten und für die kniffligen Fälle freizuspielen? Oder versickert sie unbemerkt in zusätzlichen Abstimmungen? Dieselbe Automatisierung führt je nach Steuerung zu einem reinen Sparprogramm oder zu einem echten Wachstumshebel. Die Technik ist identisch, der Unterschied liegt in der Absicht.
Drei Fragen vor jedem Automatisierungsprojekt
Bevor ein Werkzeug ausgewählt wird, lohnen drei Fragen, die den späteren Erfolg fast vollständig bestimmen. Erstens: Ist der Prozess klar genug, dass man ihn aufschreiben kann, oder existiert er nur als Sammlung inoffizieller Varianten? Wer einen unklaren Prozess automatisiert, beschleunigt das Durcheinander. Zweitens: Welche Schritte sind heute noch nötig, und welche stammen aus einem Misstrauen, das die aktuellen Daten nicht mehr rechtfertigen? Drittens: Wer ist im Betrieb fachlich verantwortlich, und wer übernimmt den Vorgang, wenn die Automatik nicht eindeutig entscheiden kann?
Drei klare Antworten ergeben ein Projekt, das trägt. Drei offene Fragen ergeben einen teuren Piloten, der nie in den Regelbetrieb kommt. Der Aufwand für diese Klärung ist gering, der Effekt ist groß, und genau deshalb wird sie so oft übersprungen.
Die Mitarbeiter entscheiden über den Erfolg
Ein automatisierter Prozess wird nur dann genutzt, wenn die Menschen, die ihn betreiben, einen Vorteil darin sehen. Wird Automatisierung als Sparprogramm gegen die eigene Stelle erlebt, entsteht Widerstand, und Widerstand findet in jedem komplexen Prozess Gründe, warum die Automatik im Einzelfall nicht passt. Wird sie als Entlastung von lästiger Routine erlebt, entsteht Akzeptanz. Der Unterschied liegt nicht in der Software, sondern in der Kommunikation und in der Rolle, die man den Mitarbeitern im neuen Prozess gibt.
Wo der größte Hebel liegt
Nicht jeder Prozess lohnt die Automatisierung gleichermaßen. Der größte Hebel liegt dort, wo drei Eigenschaften zusammenkommen: hohes Volumen, hohe Strukturiertheit und ein klarer Qualitätsmaßstab. In der Marktfolge der Banken und im Back Office der Versicherer finden sich genau solche Prozesse in großer Zahl, von der Dokumentenprüfung über die Stammdatenpflege bis zur standardisierten Sachbearbeitung. Es ist kein Zufall, dass die PwC-Studie Operations als den am weitesten verbreiteten KI-Einsatzbereich ausweist. Dort ist der Hebel am größten und das Risiko am besten beherrschbar.
Wer die eigenen Prozesse nach diesen drei Eigenschaften sortiert, hat innerhalb eines Tages eine belastbare Rangliste der lohnenden Kandidaten. Diese Rangliste ist wertvoller als jede Werkzeugauswahl, weil sie sicherstellt, dass die ersten Projekte dort ansetzen, wo der Erfolg wahrscheinlich und sichtbar ist. Sichtbare frühe Erfolge sind die beste Voraussetzung dafür, dass die schwierigeren Vorhaben später überhaupt das nötige Mandat bekommen.
Die strategische Frage zuerst
Bevor ein einziger Prozess automatisiert wird, lohnt eine Stunde mit einer einzigen Frage: Wenn dieser Engpass morgen verschwindet, was machen wir mit der frei werdenden Kapazität? Wer darauf eine klare Antwort hat, baut Automatisierung als Wachstumshebel. Wer keine hat, baut ein Sparprogramm und wundert sich später, dass der Effekt verpufft, weil die Zeit, die gewonnen wurde, sich unbemerkt in mehr Verwaltung wieder aufgelöst hat.
Mehr zum Thema: Ohne Datenstrategie keine KI. Warum Finanzinstitute hier zuerst investieren müssen. und 21 Prozent mehr Umsatzwachstum: Was KI-Vorreiter unter Versicherern anders machen.
Wir analysieren mit Ihnen, welche Prozesse den größten Hebel haben, verschlanken sie vor der Automatisierung und setzen die Lösung bis in das Kernsystem um, inklusive der Frage, wer den Ausnahmefall verantwortet. Strategie und Umsetzung aus einer Hand. Beginnen Sie mit einer Potenzialanalyse.
Ob Sie ein konkretes Projekt haben oder erst erkunden möchten, was möglich ist – sprechen Sie mit uns.


